VICTIMS

Lykstolpen5

An dem Tag des Begräbnisses meines Bruders bin ich in sein Zimmer gegangen, hab sein Tagebuch genommen, ich hatte bis dahin nie darin gelesen. Jetzt brach ich das kleine Schloss auf und las. An dem Tag, wo es passierte, hatte er geschrieben: Heute hat Göteborg wieder meinen Lieblingshimmel, blauer Korund. Das heißt, es wird ein guter Tag werden …Als ich das gelesen hatte, wusste ich plötzlich, dass mein kleiner Bruder tot ist.

Einsame Kriegerin im Feld

Es war ein Sonntagabend, ich war mit meinen Eltern Pizzaessen, und auf dem Heimweg sprachen uns zwei Typen an, also wir gingen durch eine relativ dunkle Straße , dann kamen diese Typen, blond und blauäugig, wollte uns irgendwas verkaufen, die waren extrem einnehmend, wir sind ins Gespräch gekommen, und das ging superschnell, einer hat ein Betäubungszeug rausgeholt und ich wache auf in einer Lache aus Eis und neben mir der Körper meiner Mutter ist ganz kalt, und ich fass sie an und sag Mama! Mama! Was ist passiert? Aber sie antwortet nicht, und in dem Moment begreif ich, dass sie tot ist!

Ella (30), Mainz/Deutschland

Bei mir war es in der Bibliothek, im Archiv, im Keller. Ich war gerade dabei die Akten zu sortieren. Da war mein engster Freund und Mitarbeiter plötzlich hinter mir. Der packte mich und hielt mir Mund und Nase zu. Und das nächste an das ich mich erinnere: ich liege auf dem kalten Fußboden und mein Blut fließt in einen Stapel antiquarischer Bücher.

David Lynch

Als ich 14 war sind eine Woche vor den Weihnachtsferien zwei Frauen in unsere Schule gekommen, die sich als Regieassistentinnen vorgestellt haben. Die waren auf der Suche nach Leuten die bei einer Massenszene für eine neuen Netflix-Serie mitmachen sollten. Die Serie, die sollte auf einem Buch von einem berühmten russischen Autor basieren. David Lynch sollte Regie führen. Da wollten wir dann alle super gerne mitmachen. Man hat uns sogar gesagt, dass David Lynch uns vielleicht auch für Sprechrollen besetzen würde. Aus unserer Klasse bekamen genau drei eine Rolle. Wir waren bei diesem Casting und da war eine sehr, sehr alte Frau, die sagte dann, dass David Lynch verhindert ist. Und, dass sie die Managerin des Autors ist. Dann mussten wir immer paarweise vortreten. Und ich wurde genommen bei diesem Casting und es hat ewig gedauert bis die sich gemeldet haben und, was aber völlig normal ist, wie meine Eltern und Freunde meinten, weil das beim Film so gang und gebe ist. Und dann hatte ich aber einen Autounfall. Ich kann mich da irgendwie auch nicht mehr so genau an alles erinnern, aber ich bin dann aufgewacht, im Krankenhaus und dann hatte ich da diese riesige Wunde.

Das Internet ist für uns alle Neuland

Mein Name ist Ernst Wolf, ich wurde von meinem Vater aufgeklopft, der ein angesehenes Mitglied diese Gemeinschaft war. Dies geschah in einer Villa in Deutschland. Vor über 50 Jahren, lange vor der Erfindung dieses Internets.

Vladimir (63), Berlin/Deutschland

Ich konnte mich jahrelang nicht mehr an den Vorfall erinnern. Ich war siebzehn und auf Klassenfahrt. Ich war in einem Nachtclub und da waren so blonde Typen. Und dann wurde mir plötzlich schlecht. Ich bin aufs Klo gerannt und verlor das Bewusstsein. Als ich aufgewacht bin, da waren diese Typen da und hämmerten auf meine Brust. Immer und immer wieder. Es hat so verdammt wehgetan. Sie zerrten und haben mich misshandelt. Und dann bin ich zur Polizei.

Thomas Urban (52), Zürich/Schweiz

Es war Sommer 1972, auf einem Led Zepplin Konzert, zum ersten Mal sah ich diese tollen Musiker live. Besonders gefiel mir, Robert Plant: groß und schlank, mit blonder Mähne, blauen Augen und Gold in der Kehle … Und da fielen mir zwei Mädchen auf, die ein Schild bei sich hatten, auf dem stand: Robert-Plant-Fanklub. Nach ein paar Tagen war ich pünktlich zu ersten Fanclub-Session am Start. Eins der Mädchen begrüßte mich im Foyer und brachte mich in den großen Salon, wo ca. dreißig blonde und blauäugige saßen. Eine Frau kam herein.. Sie sagte, Robert Plant sei ein vom Himmel gefallener Engel, der sich unter die Menschen gemischt habe und wir alle, die wir ihn singen hören, würden dadurch zu freieren und besseren Menschen, und dass wir erfahren würden, was die Liebe des Himmels sei, heute werden wir miteinander den ersten Schritt dorthin tun, und die Musik von Led Zeppelin helfe uns, zu äußerer und innerer Schönheit zu finden. Sie griff nach einer flachen blauen Schachtel mit dem goldschimmernden Porträt des gefallenen Engels, öffnete sie und hielt sie vor uns hin. Darin waren kleine Schokoladenfiguren, derselbe Engel in Goldpapier. Es war gute Schweizer Schokolade. Ich verlor nach wenigen Minuten das Bewusstsein. Erwacht bin ich in tiefer Nacht auf der Straße liegend. Zwei Polizisten zerrten an mir herum. Mir tat die Brust höllisch weh. Sie war total zerschunden. Sehr wahrscheinlich wäre ich von einem Auto überfahren worden, meinten die Polizisten.

Stephani Treglown (14), Newcastle/Australien

Eine Woche vor den Weihnachtsferien kamen zwei Frauen zu uns in die Schule. Sie waren Regieassistentinnen und auf der Suche nach Mädchen für einen Film von David Lynch. Aus unserer Klasse kamen drei Mädchen in die Vorauswahl – und ich war dabei. Alle mit blauen Augen und blonden Haaren. Sie sagten in Sydney sollten alle Vorausgewählten zusammenkommen. Vor Ort wurden wir dann in einen Saal gebracht, und alle 1500 Plätze waren mit Schülerinnen besetzt! Und alle blond mit blauen Augen! Es kam so ein dicker jüngerer Mann und ein dürrer älterer mit Glatze, der sehr ernst guckte, und eine sehr alte Dame. Sie baten die Mädchen ganz nahe zu sich heran, und die alte Dame legte jeder die Hand auf die Brust. Am Ende waren von den 1500 nur ganze 36 auserwählt. Und ich gehörte dazu. Ich war im siebten Himmel. Nun wartete ich also auf das versprochene Schreiben. Doch es vergingen Tage und Wochen, ohne dass eine Nachricht kam. Dann aber kam ein schrecklicher Vorfall dazwischen, der meine Träume vom Schauspielern zerstörte. Auf dem Nachhauseweg von der Schule hielt vor mir ein Auto an, und die Frau am Steuer wollte den Weg nach Cessnock wissen. Das ist das Letzte, woran ich mich erinnere. Aufgewacht bin ich erst im Krankenhaus. Brust und Hals taten mir sehr weh. Meine Brust war mit Binden umwickelt, da war eine Wunde darunter. Hinterher wurde mir gesagt, man hat mich auf der Landstraße gefunden. Ein Auto hat mich überfahren, während ich mit dieser Frau redete. Die Frau ist einfach verschwunden.